Restaurierung meiner MZ ES 300 (Seite 1)

Besichtigung und Urzustand

ES 300 in der Hermanns Scheune ES 300 Motor bei der Besichtigung

Lange hatte es gedauert den Hermann zu überreden mir seine ES 300 zu verkaufen. Im Sommer 2008 war es endlich soweit, ungesehen hatte ich das gute Stück für einen äußerst fairen Preis erworben. Einige Wochen nachdem ich bereits die Fahrzeugpapiere erhalten hatte, fuhren wir meinen Neuerwerb in Hermanns früherer Schrauberscheune in Hildesheim besichtigen. Reichlich zugestaubt lehnte sie da an der Wand, machte aber einen guten Eindruck ohne allzuviel Rost.

Am ersten Oktoberwochenende ergab sich schließlich die Gelegenheit den Ofen abzuholen. Als erste Aktion nach dem Abladen in Aachen wurde die Maschine erstmal mit dem Gartenschlauch vom Staub befreit und sah danach schon viel freundlicher aus. Dennoch wollte ich immer Sommer meine Zeit und mein Geld lieber in das Fahren mit den anderen Mopeds investieren und mir die 300er als Winterprojekt aufheben. Also wurde die Arme erneut an einer Garagenwand geparkt. 

ES 300 nach Grundreinigung ES 300 nach Grundreinigung

Zerlegen und böses Erwachen

Risse am Lenkrohr im vorderen Schwingenträger Reparierte Riss im Rahmen

Der Plan die ES als Winterprojekt zu restaurieren war gut, bloß klappen muss er! Es war einfach zu viel an den anderen Motorrädern und vor allem an Vater seiner neuen ETZ zu tun. Anfang März war die Bühne endlich frei und ich begann die ES 300 zu zerlegen. Kaum waren die Blechteile abgebaut zeigten sich die Folgen von jahrzehntelangem Gespannbetrieb:
Das Verstärkungsblech im Schwingenträher war am Lenkrohr gerissen, ebenso das hintere Querrohr des Rahmens. Immerhin hatte das schonmal jemand, nennen wir es mal semi-professionell, repariert. Als nächstes waren also neue Teile zu organisieren, vor allem ein neuer Rahmen mit ES 300 Papieren schien mir schwer aufzutreiben. Damit war meine Restaurationseuphorie erst einmal stark gebremst! 

Restauration der Tankembleme

Tankembleme gestrahlt

Nach dem Rückschlag mit den Rahmenteilen wollte ich mal etwas sinnvolles machen, was auch klappt und am Ende nach getaner Arbeit aussieht.
Hierfür hatte ich mir die Schwingenembleme die an den Tank kommen ausgesucht, da es noch keine tauglichen Nachbauten gab und selbst restauriert sowieso schöner ist! Die Methode und Materialien hatte ich auch bereits bei den Emblemen der Trophy-Spocht getestet.

Zunächst mußte das alte grüne Harz entfernt werden, doch das 50 Jahre alte Zeug wehrte sich. Kurzerhand wurden die Embleme mit wenig Druck glasperlgestrahlt. Nun mußten die Kanten wieder glatt geschliffen und poliert werden, damit sich wieder eine halbwegs originale Optik einstellt. Als letzter Schritt goß ich wieder grün eingefärbtes Harz auf die vorgesehenen Flächen. Vor allem an der Schrift ist es nicht so einfach nichts auf die Buchstaben zu kleckern.

Embleme poliert Emblem fertig

Demontage des Motors

Motor aufer Kochplatte ES 300 Kurbelwelle

So langsam wollte ich mal Teile beschaffen. Dazu mußte also erstmal den Motor zerlegt und so die Kurbelwelle ausgebaut werden, damit ich diese zum Regenerieren schicken konnte. Bei der Gelegenheit sollte die Welle auch gleich für einen nadelgelagerten Kolbenbolzen umgebaut werden und außerdem, als super-special Umbau, neue Wellenstümpfe, die der Lageranordnung im 5-Gang Motor entsprechen, erhalten. Das gut schaltbare und feiner abgestimmte 5G-Getriebe würde meinem Schmuckstück sicher den letzten Schliff geben!
Zum zerlegen heizte ich den komplette Motorblock auf etwa 100° C auf, damit sich die Lager leichter ausbauen lassen. Wie immer klappte der Ausbau so vorzüglich und bald lag die Welle vor mir und dünstete den Geruch alten Öles aus...So roch die DDR!
Die Laufgarnitur war bereits weit über dem Verschleißmaß, der Kolben klapperte nur noch im Zylinder. Immerhin hat sich wohl ein Vorbesitzer mal die Arbeit gemacht und sämtliche Kanäle schön glatt geschliffen und Kanten entfernt, das dürfte mir einige Stunden mühsame Arbeit ersparen!

Endgetunter Zylinder ES 300 Kolben (kommt in den "Offerings to the God of Speed"-Schrein)

Vorbereiten der Blechteile zum Lackieren

Lampengehäuse mit repariertem Loch Lampengehäuse mit repariertem Loch

Unser Cevennenurlaub hatte erneut für eine Unterbrechung meiner Restaurationsaktivitäten gesorgt. Nachdem die Eindrücke endlich verarbeitet waren kümmerte ich mich um die Blechteile. Von diesen mußten erstmal der mm-dicke Pinsellack runtergestrahlt werden.
An den Seiten des Lampengehäuses hatte wohl mal ein Witzbold Löcher zur Befestigung von Blinken gebohrt, die ich wieder mit Glasfasermatten und Kunstharz verschloss. Das Spachteln sollte dann der Lackierer übernehmen, zu dem die Teile nun in den Osten gebracht wurden. Zum einen hatte Marc behauptet der Lackierer würde einen guten Preis machen, was er dann auch fast tat, nur 200€ über dem Preis, den er bei einem Anruf angekündigt hatte, zum anderen bot der gute Mann auch das Handlinieren der Teile an.

ES 300 Kotflügel-Emblem

Geschliffenes ES 300 Emblem Poliertes ES 300 Emblem

In der beginnenden Klausurphase hatte ich wieder nur wenig Zeit, ohnehin wartete ich auf den Lackierer und die Motorenteile. Wenn es mich doch einmal überkam etwas an meinem Projekt tun zu müssen, waren dies meist kleinere Arbeiten, die man zwischendurch erledigen konnte (man beachte den Hintergrund im linken Bild) und schnell Ergebnisse zeigen würden.
Ein Beispiel war das Kotflügel-Emblem mit der Modellbezeichnung. Auch dieses wurde mit ganz wenig Druck und Glasperlen von Schmutz und Korrosion befreit und im Folgenden die Schrift wieder poliert.

Felgen

Felgen im Vergleich Geschliffene Felge
Untaugliches Werkzeug

Als nächstes nahm ich mir die Felgen vor. Zunächst mußte ich noch eine Felge mit der alten, runderen Form organisieren. Die Unterschiede erkennt man im Foto ganz gut: die hintere Felge ist das alte Modell, in der Mitte das neuere.
Auch bei den Felgen lies sich der angesammelte Gammel nur mit Glasperlstrahlen entfernen. Um die Felgen anschließend wieder ansehnlich polieren zu können wollte ich sie mit Schleiffliesaufsätzen für die Bohrmaschine, die gerade bei Louis im Angebot waren, zunächst glattschleifen.

Leider stellte sich heraus, daß diese Aufsätze an den Punzungen der Felgen regelrecht zerfetzt wurden. Also beschloss ich die Felgen Marc zu schicken, der wieder jemanden kannte der sie günstig poliert. Ihr werdets schon erraten haben, auch das wurde doppelt so teuer wie gedacht!

Die ersten Teile trudeln ein

Eine Kiste voll Glück für 30€ Nagelneues 5-Gang Motorgehäuse
Schwingenbolzen mit Seitenwagenanschluß

Schon ist wieder der halbe Winter vorbei, aber langsam kommen die ersten Teile bei mir an. Eine Kiste voll von Sonderschrauben, Haltern, Hebeln und ähnlichem hatte ich zum Verzinken weggegeben: Kostenpunkt für alles 30€!!!

Bei eBay konnte ich für einen schmalen Euro ein noch originalverpacktes 5-Gang Motorgehäuse erstehen.

Der Lagerbolzen der hinteren Schwinge wurde aufgechromt und neu auf Maß geschliffen, damit die Lagerflächen wieder schön glatt sind. Die ES 300 soll, wie bereits die Trophy-Spocht, Lager aus Igus iglidur® erhalten!

Polieren der Aluteile

Rohzustand Fertig polierte Bremsankerplatten

Fast den ganzen Rest des Winters verbrachte ich mit dem Aufarbeiten der Aluteile, die zunächst alle glasperlgestrahlt werden mußten, um die Korrosion oder Pinsellack zu beseitigen. Leide war bei eingigen Teilen der Gammel schon so weit fortgeschritten, daß er Tiefe Narben hinterlassen hatte, die aufwendig weggeschliffen werden wollten. Dabei bewährten sich endlich die Schleiffliesbürsten von Louis. Anschließend ging es dann mit Vor- und Hochglanzpolitur mit der Bohrmaschine weiter.

Seltener 1963er Tankdeckel Bremsarmatur

Oben der recht seltene Tankdeckel,  auf dem nur der Six-Days Trophy Sieg von 1963 durch MZ vermerkt ist, sowie die schönen alten, spitzen Armaturen wurden auch poliert. Genauso der Lichtmaschinendeckel und die Zierleisten fürs Lampengehäuse. Auf letztere bin ich ganz besonders stolz, da sie etwas verbeult waren, wovon man jetzt nichts mehr sieht!

Lichtmaschinendeckel Zierstreifen des Lampengehäuses
polierter Spiegel von vorn Spiegel mit neuem Glas

Einen originalen alten Nierenspiegel konnte ich auch noch ergattern und polieren, nachdem der Lack entfernt war. Natürlich kam auch gleich ein neues Glas rein.

Am Kupplungsdeckel war mehr zu tun als nur die Optik auf Vordermann zu bringen: Die Führung der Kickstarterwelle war ausgeschlagen und mein Vater mußte eine Buchse drehen und einpressen. Bei der Gelegenheit bekam die Welle auch gleich einen vernünftigen O-Ring als Dichtung, ebenso die Schaltwelle, die original gar keine Dichtung hatte. Außerdem drehte mein Vater noch eine Edelstahlhülse für die Kupplungszugaufnahme, damit dieser ohne Demontage des Deckels ein- und ausgehangen werden kann. Dieses Feature gab es eigentlich erst ab der nächsten Modellreihe.

In einem Atemzug hatte ich auch gleich die Aluteile des Seitenwagens aufbereitet, so daß die Garage danach ein Schlachtfeld von Polierstaub war und die Bohrmaschine durch wildes Blinken nach neuen Kohlen verlangte. Aber warum sollte das Gerät weniger leiden als ich?!

Restaurierter und verbesserter Kupplungsdeckel Geschundene Bohrmaschine

Einspeichen der Räder

Vorderrad beim Zentrieren Speichenproblematik
Fertiges Vorderrad mit Reifen

Nachdem ich auch endlich die zum Polieren weggegebenen Felgen wieder hatte, konnte ich gleich mit dem Einspeichen und Zentrieren loslegen. Die erforderlichen Handgriffe hatte ich mir mit einer Anleitung aus dem Internet selbst beigebracht und schon öfters erfolgreich angewendet.
Vor fehlerhaften Teilen, wie der rechten Speiche oben, die sich einfach immwer weiter durch die Nabe ziehen ließ, ist man natürlich nie gefeit.

Die alten Naben von MZ waren noch deutlich aufwendiger und schwerer, als die neueren. So waren Lagersitze aus Stahl ins alu eingegossen und jeweils zwei Speichen stützen sich auf einer gemeinsamen Blechunterlage ab, um das Alu zu schonen.

Für bessere und rappelfreie Wirkung der Bremsen hatte ich außerdem die glasperlgestrahlten Trommeln ausdrehen lassen, dadurch werden diese wieder exakt rund.